Kunst und Nachhaltigkeit

Nachhaltige Kunst - geht das?

Eva Doelker-Heim zeigt, welche wichtige Rolle Nachhaltigkeit in ihrer Kunst spielt.

Liana Balzer

11.03.2021

Lesedauer: 

7

 min

Organische Farbpigmente zum Malen nutzen und Natürliche Öle als Bindemittel einsetzen - dies sind nur einige der vielen Tipps unserer Künstlerin Eva Doelker-Heim. Sie zeigt dir, wie eine Symbiose zwischen Kunst und Nachhaltigkeit möglich ist und gibt spannende Einblicke in ihre nachhaltige sowie innovative Arbeitsweise. In diesem Magazin Beitrag erfährst du, wie jede*r ganz unkompliziert nachhaltiger handeln kann.

Wie passen Kunst und Nachhaltigkeit deiner Meinung nach zusammen?

 

Das Denken in Kreisläufen und das Bewusstsein dafür, dass alles miteinander verbunden ist, ist eine innere Haltung, die sich auf mein ganzes Leben auswirkt. Aus diesem Grund ist es naheliegend auch in meiner künstlerischen Arbeit auf umweltfreundliches Material zu achten. Für mich geht es in der Kunst immer darum, etwas zu finden was (für mich) „stimmt“ und zu dem, was ich fühle und erlebe passt. Sei es eine Farbe, eine Proportion oder eben ein Material. Genau so erlebe ich auch das Denken und Handeln in ökologischen Kreisläufen. Wir benutzen und tun das, was für uns sowie unsere Umwelt stimmt, möglichst wenig schadet und was wieder in einen Kreislauf zurückgeführt werden kann.

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, auf Nachhaltigkeit bei deinem Schaffensprozess zu achten?

 

Vor einigen Jahren hätte ich mich fast mit wunderschönem, aber sehr gesundheitsschädlichem Kadmiumgelb vergiftet. Das war der erste Anstoß für meine Suche nach natürlichen und unschädlichen Materialien für die Kunst. Bei meiner Kleidung und Ernährung achte ich schon lange auf nachhaltigen Konsum und für meine Wäsche aus Synthetik habe ich z.B. ein besonderes Wäschesäckchen, das verhindert, dass Mikroplastik ins Abwasser gerät.

Beim Auswaschen der Pinsel fiel mir auf, dass hierbei so viel Acrylfarbe, die ja auch auf Kunststoffbasis hergestellt ist, ins Abwasser gerät, dass ich die Verwendung synthetischer Farben hinterfragt habe. Das hat für mich einfach nicht zusammengepasst!

 

Im Atelier habe ich inzwischen einen Fundus an Pigmenten und Bindemitteln, über die ich mich bei den Herstellern online und in der Literatur informiert habe. Ein gutes Kriterium für Nachhaltigkeit sind Materialien natürlichen Ursprungs, die möglichst unverändert sind. Allerdings gibt es auch hier Inhaltsstoffe, die giftig sind. Dies wird aber zuverlässig von den Herstellern gekennzeichnet. Einige synthetische Zusatzstoffe verwende ich dennoch, um gewisse Eigenschaften wie Haltbarkeit oder UV Schutz zu erhalten. In manchen Arbeiten verwende ich auch bewusst noch Acrylfarben. Zum Thema Nachhaltigkeit gehört für mich auch, dass ich ein gutes Objekt herstelle, das langlebig ist und z.B. weiterverkauft oder vererbt werden kann.

Hast du Tipps, wie man selbst darauf achten kann, nachhaltige Produkte zum Malen o.ä. zu verwenden?

 

Der erste und wichtigste Punkt bei nachhaltigen Arbeiten ist derselbe, wie in allen Bereichen: Am nachhaltigsten ist es, möglichst wenig zu konsumieren und wegzuwerfen. Darum verwende ich Farbreste in den Pinseln vor dem Auswaschen für kleinere Arbeiten und manchmal auch Fundstücke (z.B. alte T-shirts oder Vorhänge) als Maluntergründe.

Der zweite Aspekt ist für mich, so oft es geht, natürliche Materialien zu verwenden und die Farbe sowie die Malgründe selbst herzustellen. So weiß ich, was für Inhaltsstoffe darin enthalten sind. Das ist ähnlich, wie beim Kochen. Keilrahmen selbst herzustellen und zu grundieren ist auch eine unglaublich sinnliche Arbeit. Ich liebe den Umgang mit Farb-Pigmenten pflanzlichen, mineralischen oder organischen Ursprungs. Als Bindemittel verwende ich häufig Harze und Öle nach alten Rezepturen. Ich spüre das Öl, den warmen Leim und die rauen Pigmente an den Händen, und höre das Knirschen beim Verreiben der sandigen Gesteinsmehle.

Drittens ist es mir wichtig zu recherchieren, für welchen Zweck, welche Materialien geeignet sind und welche Eigenschaften sie haben. Nicht immer ist das natürlichste Material auch das nachhaltigste. Solange es nicht ins Meer gerät, ist Kunststoff ja ein richtig tolles, vielseitiges und langlebiges Material. In manchen Fällen kann für mich darum trotzdem eine Acrylfarbe aus der Tube das Mittel der Wahl sein, da sie schnell trocknet und sehr widerstandsfähig ist.


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Wie genau sieht dein kreativer Schaffensprozess aus?

Oft male ich direkt auf dem Boden - sitzend, stehend, mich bewegend - Leinwand, Holz oder Papier vor mir liegend. Oder ich wechsele zur Staffelei, trete ein paar Schritte zurück, um dann wieder in das Werk einzutauchen, hinein zu gehen und weiter zu arbeiten. Ich empfinde mich in diesem Prozess so, als wäre ich direkt im Bild - um mich herum ist alles vergessen.

 

Der erste Schritt einer Arbeit ist für mich, hinzuspüren, welche Materialien in diesem Moment genau die richtigen für ein neues Projekt sind. Im Atelier gibt es eine große Vielfalt an Materialien. Das bietet mir die Möglichkeit, genau das auszudrücken, was im Moment zu Tage treten möchte. Holz, Leinwand, Pigmente, Leinöl, Acrylfarbe und Pinsel in allen Größen und Formen liegen bereit und reden in ihren ganz eigenen Sprachen.

 

Einige Bilder entstehen auch draußen im Freien unter Einwirkung der Elemente. Ich gehe in den Garten oder an Orte, die mich berühren. Ich kann den Ort spüren. Wind schneidet mir ins Gesicht und weht Gräser und Sand auf die Leinwand, um sich dort mit der Farbe zu verbinden. Bei der Plein-Air-Malerei nehmen Ort, Wetter, Atmosphäre und die Tagesstimmung direkten Einfluss auf das Bild.

Welche Ziele verfolgst du mit deiner Kunst?

Hier zitiere ich gerne Frida Kahlo: „Das Einzige, das ich weiß ist, dass ich male, weil ich es brauche.“

Für mich ist das Malen eine Notwendigkeit, ich brauche es damit es mir gut geht. Genauso, wie ich das Meer liebe und ich mindestens einmal im Jahr dort sein möchte. Wie oben beschrieben, ist es für mich eher eine logische Konsequenz in allen Lebensbereichen auch meinen Teil dazu beizutragen, umweltfreundlich zu leben. Wenn meine Arbeiten andere dazu ermutigen, ebenso über ein nachhaltiges Verhalten nachzudenken, freut mich das natürlich sehr.

Textilien und Nachhaltigkeit spielen in eurem Familienunternehmen schon seit vielen Generationen eine Rolle. Wie hat dich das geprägt?

 

Diese Frage bringt mich zum Schmunzeln. Ja, die Verbindung zu Textilien habe ich quasi mit der Vatermilch eingesaugt. Unser Vater hat meinen zwei Schwestern und mir ein Familienunternehmen in der Textilbranche vererbt. In vierter Generation werden dort Miederwaren produziert und wir sind die erste Generation, in der die Leitung weiblich ist.

 

Auch meine Liebe zu schönen Materialien, zur Stofflichkeit der Dinge, habe ich sicher vererbt bekommen.  Und wenn ich auch keine typische Modedesignerin bin, so kann ich doch meine Faszination für den Faltenwurf oder die Haptik und die Weichheit textiler Materialien nicht verbergen. Diese Mischung aus Stabilität und Wandelbarkeit von Stoffen fasziniert mich sehr. Stoff ist einfach ein unglaublich vielseitiges Material, dessen Grenzen ich versuche in meinen Arbeiten auszuloten. Sei es als Leinwand, im Relief oder auch in meinen Skulpturen. Von meinem Vater habe ich aber auch den Blick und die Liebe zu anderen schönen Materialien, wie Stein oder Holz vermittelt bekommen. Seine tiefe Liebe zur Natur und die Achtung vor den kleinen Dingen haben mich sehr geprägt. Leider sind wir im Familienunternehmen im Bereich des nachhaltigen Wirtschaftens noch nicht so weit, wie wir es gerne wären. Ursprünglich ging es meinem Urgroßvater in den zwanziger Jahren darum, die natürliche Körperform der  Frau nicht mehr durch Korsetts gesundheitsgefährdend einzuschränken. Zusammen mit einem stuttgarter Homöopathen entwickelte er ein Reformkorsett, welches die weiblichen Rundungen auf eine natürliche Art stützte. Diese Firmenphilosophie, Produkte herzustellen mit denen sich Frauen wohlfühlen, bauen wir im Moment auch in Richtung Nachhaltigkeit aus.


Was sind deine kreativen Pläne für die Zukunft?

Ich möchte diese Experimente mit Naturmaterialien weiter ausbauen und mein Ziel ist es, auf die Verwendung von Acrylfarben irgendwann ganz verzichten zu können. Im Moment mache ich Versuche mit verschiedenen Kombinationen von Bindemitteln. Ich mische z.B. Kasein mit Öl und Knochenleim, um die Trocknungszeiten der Ölfarbe zu verkürzen. In den letzten Wochen habe ich direkt auf ungrundierten Leinwänden gearbeitet, um die Spontaneität der Acrylfarbe auch mit den Naturmaterialien zu erreichen. Mich fasziniert die weiche Haptik der ungrundierten Baumwolle und die matte Struktur des Bildes, die durch die kleinen Baumwollhärchen entsteht, die auf einer grundierten Leinwand nicht mehr zu sehen sind. Große Lust habe ich auch auf große Formate.

Ich habe auch noch Keilrahmen und Leinwand für Arbeiten bis 260cm im Hauseingang liegen und  kann es kaum erwarten, diese zusammenzubauen! Im Juli darf ich meine Arbeiten in einer Galerie in Kitzbühel zeigen und in Reutlingen ist eine Ausstellung zum Thema Meer geplant, worauf ich mich schon sehr freue. Auch die Gestaltung von Ausstellungsräumen und das Teilen der Werke mit den Betrachter*innen,  ist ja ein aufregender kreativer Prozess.



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Fotos von Daniel Schneider (Schneider-Fotos), Gomaringen

Wir danken Eva für das Interview und wünschen ihr alles Gute für die Zukunft. Wir hoffen, dir als Leser*in hat dieses Format gefallen. Sollte dies der Fall sein, teile den Artikel gerne in den sozialen Netzwerken und gebe uns Feedback per E-Mail via info@picassy.de. Du bist Künstler*in und möchtest uns auch dein Atelier zeigen? Dann melde dich gerne ebenfalls bei uns!

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